Am vergangenen Wochenende, also vom 24. bis 25. April 2010, fand in Berlin der AndyCon statt. Feierlicher Anlass war das 25jährige Jubiläum des SF-Clubs Andymon.
Ein Con in Berlin! Da musste ich hin. Bereits im Januar sprach mich Hardy Kettlitz an, ob der Fantasyguide nicht etwas auf dem Con machen wolle. Das Brainstorming in der Redaktion ergab dann auch eine günstige Gelegenheit. Da wir irgendwann die Kurzgeschichten des Monats als Anthologie herausbringen werden, bot es sich an daraus vorzulesen.
Somit wurde ich zum Referent des AndyCons und Samstag gegen 13:00 Uhr konnte ich mein Badget abholen, was kein Verzehrbon darstellte, wie ich vorher vermutete, sondern ein Namensschild.
Im Zeiss-Großplanetarium Berlin am Thälmannpark tummelten sich bereits etliche Andymonier und kurz konnte ich mit Ronald Hoppe von Shayol plaudern. Dann traf auch schon Markus Mäurer ein und gemeinsam begannen wir den Con-Tag mit der Eröffnungsveranstaltung. Offenbar konnte man von Glück reden, dass der Con stattfand, denn das Planetarium steht unter einer terminlich vagen Sanierungsdrohung.
Der erste Veranstaltungspunkt auf meinem Plan hieß »Die ferne und die fernste Zukunftsforschung in SF und Zukunftsforschung« von Karlheinz Steinmüller. Als Zukunftsforscher führte er uns sehr unterhaltsam in die fernste Zukunft – man glaubt gar nicht, wie überraschend relevant die Zukunftsprognose sein kann. Eine Beamerfernbedienung kann im Übrigen einen Mann wie Karlheinz Steinmüller nicht aus dem Konzept bringen, selbst wenn sie sich als noch so störrisch erweist.
Während Markus im Planetarium-Saal blieb, eilte ich zur Veranstaltung über den Roman Andymon, immerhin war das mein Lieblings-SF-Buch in meiner Jugend. Der Editionswissenschaftler Christian Schobeß stellte dort nicht nur seine Fachrichtung, sondern auch die Unterschiede in den beiden Andymon-Fassungen vor. Karlheinz Steinmüller erweiterte das Wissen des Forschers um einige Anekdoten zur Werksgeschichte. Einiges kannte ich schon von meinem Interviewbesuch bei den Steinmüllers. Amüsant und informativ war es jedoch auf alle Fälle. Ich bin recht froh, dass sich in der Verlagsszene die Erkenntnis durchsetzt, dass auch andere Textfassungen für den Leser von Interesse sind.
Auch meine nächste Veranstaltung fand im Kinosaal statt: Eine Lesung von Boris Koch. Bisher kannte ich ihn nur dem Namen nach, doch er präsentierte sich mit seiner Fantasygeschichte als ernsthafter und sehr sympathischer Zeitgenosse. Besonders beeindruckte mich sein Statement zu einem möglichen dritten Band seines “Drachenflüsterers”. Den gibt es nämlich erst, wenn er nicht nur eine runde Geschichte dazu im Kopf habe, es sei zudem für ihn wichtig, dass er sie auch schreiben muss, als eine Weiterentwicklung seiner selbst. Ähnlich äußerte sich im Übrigen später auch Dmitry Glukhovsky.
Dessen Lesung stellte den offiziellen Höhepunkt des Cons dar und fand wieder im Planetariumsaal statt. Während Dmitry seine kurze Leseprobe in Stakkato-Russisch aus seinem MacBook vorlas, erschien mir der deutsche Vorleser etwas überambitioniert. Die anschließende moderierte Fragerei machte jede Menge Spaß, vor allem deshalb, weil Dmitry überraschend gut deutsch spricht. Im Mittelpunkt stand natürlich sein Buch “Metro 2033″, für das ich mir anschließend auch eine (unleserliche) Widmung holte. Naja, Спасибо ist zu entziffern. Hätte nicht gedacht, dass mein Schulrussisch irgendwann mal einen Nutzen bringt.
Jedenfalls begeisterte mich auch diese Lesung, wie Shockwaverider vorher schon erwähnte, ist Dmitry ein durch und durch netter Zeitgenosse, der zwar wie der typische Panzerfahrer Kolja aussieht, sich aber als quirliger Jungspund mit breitgefächerten Interessen herausstellte.
Ungemein beeindruckend.
Der Abschluss des ersten Abends stellte eine Veranstaltung des Hörkinos dar, das regelmäßig im Zeiss-Großplanetarium Berlin veranstaltet wird. Nach dem ersten Hörspiel, eine recht exzentrische Bearbeitung von Metropolis, reiste ich nach Hause. Wie es sich für einen alten Sack gehört, zeitig ins Bett und gegen den Strom der Jugendlichen, die zu einer wilden Samstag-Nacht in die Stadt jammten.
Die erste Veranstaltung am Sonntag klemmte ich mir, man will ja nicht vor dem Aufstehen umherzuckeln. Hardy stöhnte etwas unter dem Wetter, da es die Millionen Berliner davon abhielt, den Con zu stürmen. So ganz konnte ich die Klage aber nicht verstehen, da ich den Con recht gut besucht fand. Aber klar, bei trüben Wetter, hätte es bestimmt mehr Gründe zum Erscheinen als zum Wegbleiben gegeben.
Mein Con-Tag begann mit Erik Simons Vortrag zum Werk der Strugatzkis. Der Mann hat ein ungeheures Wissen zum Thema, schreibt aber deutlich besser. Ein paar Bilder und Folien hätten dem Ganzen gut getan. Zum Glück konnte er in der Nachfolgeveranstaltung deutlich mehr punkten, als es mit Dmitry zusammen um aktuelle russische Phantastik ging – ein Themengebiet, dass für mich ein weißes Blatt Papier ist, da ich außer Lukianenko keine Autoren gelesen habe. Das sah danach anders aus. Neben Einblicke in die russische SF-Szene und deren politische Hintergründe erfuhren wir auch wieder jede Menge über Dmitry Glukhovsky und Erik Simon. Dabei schwankten die Betrachtungen von imperialistischen Tendenzen in der russischen SF bis hin zu Dmitrys südamerikanischen Phantastik-Inspirationen. Sehr sehr spannend!
In der nächsten Lesung saß zu meinem größten Vergnügen erneut Frank Böhmert vor mir in der Reihe – der arme Markus lief schon den zweiten Tag beständig an ihm herum, aber später am Abend fand dann das glückliche Treffen doch noch statt.
Gelesen hat aber nicht Frank, sondern Tobias O Meißner. Obwohl ich bisher noch nichts von ihm gelesen habe, verfolgt mich ständig sein Name – seine Autoren-Seite ist bei uns im Fantasyguide Bestandteil der Musterrezension.
Man sah ihm die Enttäuschung an, dass sich kam zehn Leute fanden, ihm zuzuhöhren. Extra für die SF-Fans hatte er eine raffinierte Herleitung zu seinem Fantasybuch erdacht. Er las nämlich aus seinen Kolumnen für eine PC-Spielezeitung vor. Sehr pointiert und vor allem reichlich tiefgründig. Was er vorlas, gehört für mich zu den besten Szene-Kommentaren. Die Sammlung Ladezeit ist vorgemerkt.
Hernach las er dann aus den Dämonen vor, zwei kurze Kapitel über die Invasion. Eine aus der Sicht eines sehr kleinen Dämonen und eines aus der Sicht eines fünfjährigen Mädchens. Witz und Grauen vermischten sich zu einer abgefahrenen und wiederum reizvollen Maische.
Auch wenn er von der Lesung enttäuscht war, mir hat sie imponiert und mich überzeugt, ihn zu lesen.
Und danach kam der eigentliche Höhepunkt. Meine Familie traf ein. Am Buchstand von Otherland trafen wir meinen Mitleser Jakob Schmidt und auch Boris Koch fungierte als Verkäufer und ohne Buch gingen wir nicht nach Hause. Der Drachenflüster 1 läuft nun hier zu Hause unter »cool, spannend geschrieben« durch die Hände.
Dann das große Zittern. Wir stellten die demnächst erscheinende Anthologie “Der wahre Schatz” mit den Kurzgeschichten des Monats vor. Ich las zuerst. Meine kleine SF-Story »Ersatzteil« eröffnete den Reigen. Marcus Richter, den ich aus der Leselupe kannte, aber noch nie traf trug mit Begeisterung einen Part aus seiner epischen Story »Ein verflucht gutes Buch« vor und Jakob katalogisierte seine Splattergeschichte »Abfallprodukte« in Anbetracht des kindlichen Publikums schnell um. Dank familiärer Unterstützung knackten wir die zweistelligen Zuhörerzahl und zum Dank erhielten wir die Clubausgabe von Andymon. Juhu!
Während Markus noch mit diversen Autoren Futtern und Quatschen ging, folgte der brave Familienvater seinen Pflichten und fuhr nach Haus.
Für mich war es ein sehr vergnügliches und spannendes Wochenende, mit vielen neuen Literaturempfehlungen und interessanten Gesprächen. Mir gefiel sowohl die intime Atmosphäre, als auch die mehr als passende Umgebung. Toll gemacht Andymon!