Fünf großartige Kriminalkomödien

Ich liebe anständige Krimikomödien. Leider gibt es zu viele Krimikomödien, die zu einer kruden Mischung aus absurder Action und blödsinnigen Albernheiten neigen – ein Paradebeispiel sind die späteren “Police Academy”-Filme; man kann sich schon darüber streiten, inwiefern die früheren dazugehören, aber bei den späteren gibt es kein Vertun: Das ist äußerst plump. Den guten Krimikomödien gelingt es, die Spannung des Krimis – Wer war’s? Wie entkommt man der gefährlichen Situation? Wie schnappt man den Gangster? – im dem Humor der Komödie. Es bietet sich meist ein sarkastischer, makabrer Humor an – man findet den in vielen Filmen Hitchcocks. Es gibt aber auch andere Mischungen. Hier ein paar, die sehr gelungen sind:

1. Arsen und Spitzenhäubchen (USA 1944, 113 min)
Der leicht erregbare Journalist (und als scharfzüngiger Ehekritiker bekannte) Mortimer Brewster (Cary Grant) hat heimlich geheiratet – die Nachbartochter Elaine (Priscilla Lane). Rasch geht es nach Hause, um die Koffer für die Flitterwochen zu packen. Während Elaine ins Elternhaus – dem Pfarrhaus – eilt, besucht Mortimer seine Tanten Abby (Josephine Hull) und Martha (Jean Adair), bei denen er aufgewachsen ist. Mit einiger Überraschung stellt er fest, dass die beiden stockkonservativen und liebenswürdigen Damen eine Leiche in der Stubentruhe liegen haben. Sie haben ihn vergiftet, da er niemanden mehr auf der Welt hatte und nun näher bei Gott ist. Aber damit nicht genug: Am Abend kommen völlig unerwartet der fiese Bruder Jonathan (Raymond Massey) und dessen Handlanger Dr. Einstein (Peter Lorre) mit einer Leiche – Mr. Spinalzo – im Handgepäck an. Und Elaine fragt an, wann es endlich losgeht. Wie soll Mortimer bei all dem Chaos nur den guten Ruf der Familie wahren?
Frank Capra stellt die Spannungsquellen des Krimis weit in den Hintergrund – selbst als Mortimer in Gefahr gerät, ist man ob der Sturheit bzw. Unaufmerksamkeit aller Beteiligten geneigt, über die potenziell tödliche Situation zu lachen. Auch die auftürmenden Leichen regen eher zum Lachen als zum Schaudern an, was vor allem an der unglaublich grotesken Situation liegt, die sich in vielen Details wiederfindet – Dr. Einstein hatte betrunken den Film “Frankensteins Monster” gesehen und anschließend Jonathans Gesicht operiert – mit dem Ergebnis, dass er dem Monster ähnlich sieht (eine Anspielung auf das Bühnenstück, in dem Boris Karloff Jonathan spielte; Karloff war aufgrund anderer Dreharbeiten nicht verfügbar). Hinzu kommen gut aufgelegte Schauspieler, von denen besonders Peter Lorre wunderbar spielt.

2. Der rosarote Panther (USA/GB 1963, 113 min)
Prinzessin Dala (Claudia Cardinale) macht im italienischen Cortina d’Ampezzo einen Kurzurlaub – ein bisschen Skifahren, ein paar Partys. Ihre Anwesenheit wirbelt einigen Staub auf – sie ist nicht nur unglaublich reich, sie ist auch atemberaubend schön. So wundert es nicht, dass der als Schürzenjäger berüchtigte Sir Charles Lytton (David Niven) sich bald in ihrer Nähe aufhält. Er arrangiert sogar die Entführung ihres Hundes, um in ihre Nähe zu gelangen. Er ist allerdings das Phantom, ein Gentleman-Dieb, der nur die größten Reichtümer stiehlt, und so geht es ihm vor allem um Dalas kostbarsten Besitz: den Diamanten “Der rosarote Panther”. Seine Partnerin ist die scheinbar unscheinbare Simone Clouseau (Capucine), die mit eiskalter Berechnung Lyttons ärgsten Feind heiratete – Inspektor Jacques Clouseau (Peter Sellers), der dem Phantom schon seit Jahren auf der Spur ist. Diesmal will er den Schurken dingfest machen. Diesmal sorgt aber auch der spitzbübische Neffe des Phantoms, George Lytton (Robert Wagner), für einiges Chaos.
Blake Edwards hat viel auf das Florett in gewitzten Gesprächen gesetzt und es geht durchaus spannend um die Frage, ob das Phantom erneut zuschlagen kann. Es ist ein recht typischer leichter Gaunerkrimi (Heist-Movie im modernen Sprachgebrauch) mit vielen Spitzbuben. Wenn da nicht der schwere Säbel – man ist geneigt “Breitschwert” zu sagen – den er Clouseau führen lässt. Clouseau ist gar nicht mal so sehr ein Tölpel, als vielmehr ein wahrer Pechvogel – beinahe alles, was er berührt, geht zu Bruch. Das ist deshalb komisch und nicht albern, weil der Inspektor dabei zumeist eine stoische Ruhe zeigt. Auch sind es die kleinen Details im Spiel – seine Begeisterung, wenn er sich darauf freut, das Bett mit seiner Frau zu teilen, seine Ernüchterung, wenn er realisiert, dass es genau dabei bleiben wird – die den Film die richtige Würze geben.

3. Tote tragen keine Karos (USA 1982, 85 min)
Detektiv Rigby Reardon (Steve Martin) liest in der Zeitung – das Geschäft läuft so mies, dass er alte Zeitungen noch einmal liest – dass der schwerreiche Käsemacher John Hay Forrest bei einem Autounfall getötet wurde, da tritt eine schöne schwarzhaarige Frau (Rachel Ward) in sein Büro und, bevor sie sagen kann, was sie will, wird sie ohnmächtig. Da Rigby keinen solchen Körper mehr gesehen hatte, seit der den Tod des Mädchens mit den dicken Titten aufklärte, richtet er ihr erstmal die Brüste, was sie – erwachend – ein wenig irritiert hinnimmt. Sie stellt sich als Juliet Forrest vor und beauftragt Rigby damit, den Mord an ihren Vater aufzudecken, denn sie ist sich sicher, dass er einer Verschwörung auf der Spur war und daher sterben musste. Bald erhält Rigby zwei Listen, eine mit den Feinden Carlottas, eine mit Freunden – es werden fleißig Namen gestrichen.
Carl Reiner Film zeichnet kein origineller Krimi-Plot aus – das kann er aufgrund des Metiers auch gar nicht, den Reiner parodiert die Filmklassiker des Noir. Dazu stückelt er auf grotesk-brillante Weise alte Krimis und Thriller zusammen – der Zuschauer bekommt kleine Szenen mit Steve Martin und Burt Lancaster, Ingrid Bergman, Humphery Bogart, Bette Davis oder Cary Grant (um nur ein paar zu nennen) zu sehen, die natürlich irgendwie verdreht in die Story hineingeflickt werden. Die Wirkung der Spannungsquellen des Krimis ist hier eher subtil: Sie werden seltsam verdreht verwendet; sie sind es, die den Film zusammenhalten und ihn Fahrt verleihen. Die Spannungsquellen der Komödie wirken dafür umso mehr. Mit wunderbarem Slapstick, vollkommen überspannten Klischees und einem absolut bizarren Plot kann Reiners parodistische Hommage jedoch bestens unterhalten – auch wenn man spätestens am folgenden Tag sich kaum mehr an Details des Filmes erinnern kann.

4. The Big Lebowski (USA/GB 1998, 112 min)
Der Arbeitslose Jeffrey Lebowski (Jeff Bridges), der von allen nur “Dude” genannt wird, ist einigermaßen überrascht, als ein paar Schläger ihn in seiner Wohnung auflauern, versuchen Geld, dass Lebowski ihnen schuldet, aus ihm herauszuquetschen – und auf seinen Teppich pinkeln. Er kann den Trotteln klarmachen, dass sie ihm mit dem Millionär verwechselt haben müssen, aber der Teppich ist ruiniert. Sein Bowlingkumpel Walter Sobchak (John Goodman) bestärkt ihn darin, sich den Teppich vom anderen Lebowski bezahlen zu lassen – schließlich habe er für diesen Scheiß nicht in Vietnam gekämpft! Der andere Jeffrey Lebowski (David Huddleston) verhält sich aber zunächst ablehnend, doch als seine sehr junge Frau Bunny (Tara Reid), eine ehemalige Pornodarstellerin, entführt wird, bittet er den Dude um Hilfe – er soll das Lösegeld übergeben. Von hier ab häufen sich Missgeschicke und die Situation wird immer komplizierter – dass Bunnys Stieftochter Maude (Julianne Moore) ins Geschehen eingreift, verkompliziert die Angelegenheit noch weiter – denn sie ist die eigentliche Herrin der Lebowski-Millionen.
Regisseur Joel Coen setzt in erster Linie auf das Schräge als Spannungsquelle – da sind zunächst die exzentrischen Figuren, die schon auf normale Situationen sehr eigenwillig reagieren. Als die Situation immer unübersichtlicher wird, werden auch die Reaktionen immer erratischer. Das Ergebnis ist eine sehr komische groteske Farce. Dazu gehören auch die Verkehrungen: Wenn etwa der Polizeichef sich gegen das unbescholtene Opfer wendet, weil der Täter – ein Pornoverleger – ein geschätztes Mitglied der Gemeinde ist. Vom Plot her ist es eine Mischung aus Thriller und Whodunnit-Intrige; die entsprechenden Spannungsquellen werden aber nur nachrangig genutzt – es sind halt Kleinstganoven, die alle bluffen, weil sie glauben das Große Geld machen zu können.

5. Snatch – Schweine und Diamanten (GB 2000, 99 min)
Franky „Four Fingers“ (Benicio del Toro) kommt mit einem gewaltigen Diamanten aus Antwerpen nach London. Er hatte den Stein mithilfe einiger Russen geraubt; von denen hatte er auch Boris „The Blade“ Yurinov (Rade Šerbedžija) als Kontakt genannt bekommen. Und Boris hat einen Plan, wie er an den Klunker kommt: Er bittet den spielsüchtigen Franky um einen kleinen Gefallen – er möge auf einen illegalen Boxkampf wetten. Dann heuert er die beiden Kleinstganoven Sol (Lennie James) und Vinny (Robbie Gee) an, die das Wettbüro gerade dann überfallen sollen, wenn Franky seinen Tipp abgibt. Die Zwei erhalten die Beute vom Büro, Boris erhält die Tasche von Franky. So der Plan. Der funktioniert aufgrund einiger Missgeschicke nur halbwegs. Und ruft verschiedene weitere Gangster auf den Plan. Da ist zunächst Frankys Cousin Abraham „Avi“ Denovitz (Dennis Farina), in dessen Auftrag der Diamant gestohlen wurde und der ihn folgerichtig jetzt als sein Eigentum begreift, das er zurückhaben will. Er heuert den knallharten „Bullet Tooth“ Tony (Vinnie Jones) an, der Probleme mit seiner Desert Eagle .50 aus dem Weg ballert. Aber eben auch den hochaggressiven und brutalen Bricktop (Alan Ford), den das Wettbüro gehört und der den Boxkampf ausrichtet. Da gibt es indes auch Probleme – die Boxpromoter Turkish (Jason Statham) und Tommy (Stephen Graham) haben ihren Boxer in einem spontanen Fight mit dem Bare-Knuckle-Champion „One Punch“ Mickey O’Neil (Brad Pitt) verloren.
Man sieht, Guy Ritchie hat eine komplexe Gangstergeschichte verfilmt. Er setzt sehr viel auf die typischen Spannungsquellen dieses Genres: Es gibt viel rasante Action, die auch durchaus bedrohlich ist – aber nicht unbedingt so wirkt. Wie kommt das, dass ein Film, in dem Menschen überfahren, erschossen, als Leichen die Zähne mit einem Hammer eingeschlagen bekommen und an Schweine verfüttert werden, so komisch ist? Weil der Film in der tatsächlichen Darstellung nicht brutaler als etwa “Arsen und Spitzenhäubchen” ist. Man sieht von all den Grausamkeiten nur sehr wenig und wenn, dann grotesk verdreht; darum verfangen sie auch nicht richtig im Gedächtnis. Klar, man weiß, dass Bricktop ein mieses Schwein ist, aber seine Taten wirken kaum nach. So können die spöttischen Dialoge gleich darauf als comical relief doppelt wirken. Überhaupt geht in dieser Geschichte mehr schief als in “Der rosarote Panther” und die Figuren sind so überfordert wie jene in “The Big Lebowski”.

Viel Spaß beim Sehen!

Oliver

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