Hitchcocks makabre Meisterwerke

Es ist ein wenig still geworden um Altmeister Alfred Hitchcock – die neuen Generationen haben vielleicht ein oder zwei Filme von ihm gesehen, die sie dann auch nicht so richtig gut fanden. So langsam bröckelt sein Ruhm dahin. Dabei hat er ganz hervorragende Filme geschaffen, die seiner Zeit Filmkunst und Spannung zusammenbrachten. Ich erinnere hier an Das Fenster zum Hof (1954), Psycho (1960) oder Die Vögel (1963).
Ich denke allerdings, dass eine gewisse Art von Film besonders gelungen ist: Der makabre Thriller. Hier treten alle seine Eigenarten, der schwache Held, die starke Frau, der sympathische Schurke, die zwielichtigen Behörden, zusammen in einer spannenden Krimi-Handlung auf, die mit einem mehr oder minder unmoralischen Humor gewürzt wird. Ich nenne mal meine fünf Lieblingsbeispiele:

1. Cocktail für eine Leiche (1948): Hier wollen zwei Studenten den perfekten Mord begehen. Angespornt vom zynischen Humor ihres Lehrers Rupert Cadell (großartig: James Steward), haben sie einen als minderwertig empfundenen Kommilitonen ermordet. Zu seinen Ehren richten sie dann ein Essen für ein paar ausgewählte Gäste aus dem nahen Umfeld des Ermordeten aus – die Leiche verstecken die Mörder in der Truhe, in der sie das Büffet aufstellen. Bitterböser Humor und ein Film, bei dem die Möchtegernübermenschen als die wahren Idioten entlarvt werden.

2. Immer Ärger mit Harry (1955): Ein Schuss fällt und der Soldat spielende Junge findet eine Leiche im Wald – Harry. Der jagende Kapitän Wiles befindet, dass dies ein Unfall war – er hat ihn schließlich nicht mit Absicht erschossen – und daher muss es nicht der Polizei gemeldet werden (er würde unnötigen Ärger bekommen, weil die Jagd verboten ist). Aber bevor er die Leiche verschwinden lassen kann, holt der Junge seine Mutter Jennifer (Shirley MacLaines erste Rolle), stolpert der lesende Dr. Greenbow über Harry, versichert sich die Blaubeeren sammelnde Miss Gravely des Todes von Harry, ein Vagabund stielt die Schuhe des Toten und der erfolglose Künstler Marlowe (John Forsythe) skizziert den Leichnam zufällig mit. Keiner ist so recht daran interessiert, dass der Tote der Polizei gemeldet wird. Doch Harry wird den guten Leuten noch einigen Ärger bereiten. Ein unglaublich skurriler Film und mein absoluter Favorit.

3. Der unsichtbare Dritte (1959): Der Werbefachmann Thornhill (Cary Grant) wird mit dem Spitzel Kaplan verwechselt – und da die Regierungsagenten ihren echten Spitzel decken wollen, lassen sie die feindlichen Spione (wunderbar: James Mason als kultivierter Phillip Vandamm) in dem Irrglauben und opfern somit Thornhill. Der kann sich mit einigem Witz aus heiklen Situationen retten, ist aber auch daran interessiert, was es mit der Sache auf sich hat, zumal er bald von der Polizei wegen Mordes gesucht wir. Der bekannteste und leichteste der von mir ausgewählten Filme – sehr sehenswert.

4. Frenzy (1972): Der Krawatten-Mörder versetzt London in Angst und Schrecken: Er vergewaltigt und erdrosselt junge Frauen. Als die Leiche von Mrs. Blaney aufgefunden wird, gerät ihr hitzköpfiger Exgatte Richard unter Verdacht, denn der Arbeitslose hatte die Nacht bei der Heilsarmee verbracht – mit einem Batzen Geld, den ihn seine Exfrau heimlich zugesteckt hatte. Höhepunkt des Makabren dürften wohl die Probleme sein, die der wahre Mörder mit der sperrigen Leiche eines seiner Opfer hat. Den brutalen Morden steht das seltsame Eheleben des genervten Scotland Yard-Inspektors gegenüber, dessen gelangweilte Ehefrau den erzkonservativen Gatten mit allerlei Experimenten überrascht. Dies ist vermutlich der amoralischte und finsterste der von mir ausgewählten Filme.

5. Familiengrab (1976): Der arbeitslose Schauspieler Lumley (herrlich lakonisch: Bruce Dern) verdient nicht nur als Taxifahrer seine Brötchen, er arbeitet auch als Detektiv für seine Freundin Blanche Tyler (ganz großartig: Barbara Harris). Die braucht nämlich einige Informationen über ihre Klienten – sonst würde das Jenseits der ‘Hellseherin’ nur wenig mitteilen. Den großen Fisch zieht sie mit Mrs. Rainbird an Land: Für die alte Dame soll sie den verschollenen Erben suchen. Der indes hat als Arthur Adamson (William Devane) die Spuren zu seinem alten Leben sorgfältig verwischt und erleichtert nun als skrupelloser Entführer seine Opfer um große Summen – und er schreckt nicht vor Mord zurück. Der letzte Film Hitchcocks ist wieder wesentlich leichter als der Vorgänger – und mit einem wunderbar sympathischen Schurkenpärchen als ‘Helden’.

Fünf Filme, alle mit schwarzem Humor versehen und sehr spannend. Wer sie noch nicht gesehen hat, und wem der Sinn einmal nicht nach hochdramatischen Filmen steht, dem lege ich sie ans Herz.

Oliver

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2 Kommentare zu „Hitchcocks makabre Meisterwerke“

  1. mammut sagt:

    An dieser Stelle auch mal ein Hinweis auf die Autoren, deren Werk für den Film Pate stand.
    Das Fenster zum Hof ist von Cornell Woolrich:
    http://www.krimi-couch.de/krimis/cornell-woolrich.html

    Robert Bloch ist Autor wirklich bemerkenswerter Kurzgeschichten und hat sich mit Psycho ein Denkmal gesetzt:
    http://www.geisterspiegel.de/Literatur/krimithriller/Robert_Bloch.html

    Der unsichtbare Dritte schließlich ist von Graham Greene und spielt im Wien der Nachkriegszeit:
    http://www.dtv.de/dtv.cfm?wohin=autor311

    Das Fenster zum Hof habe ich übrigens letztens erst gesehen. Da sieht man deutlich die Unterschiede zu heutigen Filmen. Das Tempo ist viel langsamer, der Film dafür wesentlich intensiver und die Geschichte steht im Vordergrund. Unbedingt ansehen.

  2. [...] Es bietet sich meist ein sarkastischer, makabrer Humor an – man findet den in vielen Filmen Hitchcocks. Es gibt aber auch andere Mischungen. Hier ein paar, die sehr gelungen sind: 1. Arsen und [...]

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